Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe

Hätte mich vor ein paar Jahren jemand gefragt, wie und ob man Liebe sichtbar machen kann, ich hätte wohl geantwortet mit 'nein, ich wüsste nicht wie'. Heute weiss ich: es geht.

 

Die Sonne scheint, meine nackten Füsse berühren das Gras und Mutter Erde. Ich höre das Plätschern des Waldbächleins und geschäftig surren diverse Insekten an mir vorbei. Der Himmel ist wolkenlos und er scheint mir blauer als sonst, als ob er mehr Farbe in sich trägt als sonst. 

 

Ich liege gerade draussen im Garten. Unter mir die kuschelige, wunderschöne Decke, die ich für meine Herzensbilder Einsätze erhalten habe. Weiche Baumwolle in den Farben beige-weiss gestreift oben, plastifizierter Stoff in beige mit weissen Sternen unten.

 

Diese Decke schenkt mir immer ein wohlig warmes Gefühl ums Herz. Weil sie mir von einem Menschen mit so viel Liebe geschenkt wurde. Alle guten Wünsche, die von dieser Person in diese Decke gewebt sind umgeben mich, schützen mich, während ich darauf liege um zu pausieren, lesen, schreiben, sein. 

 

Die Zufriedenheit, die sich gerade in mir ausbreitet, bietet die Zeit und den Raum um inne zu halten. Zeit um zurück zu blicken was war und zum Fühlen was ist. Und um es aufzuschreiben.

 

Das ist so wichtig, denn wie oft sind wir am rennen: zur Arbeit, ins Wochenende, Haushalt, Pendenzen, Steuererklärung, Hobbies, Ferien - alles durchorganisiert und verplant, nicht selten schon ein oder gar mehrere Jahre im Voraus. Was wir dabei hören ist nur unser Kopf: 'ich soll, ich muss noch, ich hab noch nicht, ich sollte mal wieder'. 

 

Unser Herz aber, das hören wir nur, wenn wir ruhig werden. Dann ist es Zeit zu fragen: ist das, was ich jetzt tue immer noch das, was ich zu tun liebe? Oder würde ich inzwischen lieber etwas anderes machen? Was bereitet mir heute Freude, ist es immer noch dasselbe oder vielleicht etwas anderes? 

 

Ein Rückblick hilft mir zu sehen, wo ich war, wie ich den Weg ging und zeigt mir, wo ich heute bin. Das Innehalten lässt mich spüren, was mir gut tut und was nicht (mehr).

 

                                        2010                                                                                    2014

 

Mein Weg hatte einige Geröllbrocken, Sackgassen und Stellen, auf denen ich ausrutschte. Ich habe mir dabei ab und an etwas geprellt, nie aber gebrochen. 

 

Ebenso hatte es zu Beginn kleine Lichtblicke, die je länger je mehr zu schönen Aussichtsplattformen wurden. Anfangs noch sehr spärlich gab es mit der Zeit sogar immer mehr Bänkchen zum Ausruhen.

 

 

Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet

Christian Morgenstern

 

 

Ich erinnere mich an ein anonymes Email, das an einem Weihnachtsmorgen ankam. Damals wie heute ist das Abrufen von Emails eine meiner ersten Tätigkeiten am Morgen. 

 

Es war im ersten Jahr, als ich kaum mehr als 5-6 Anfragen durch das ganze Jahr bekommen habe. Dem Betreff nach sah ich, dass es eine Anfrage über das Kontaktformular war (Sie haben eine neue Nachricht über Ihre Website).

 

Wie ich mich über dieses Weihnachtsgeschenk, das Interesse an meiner Arbeit, freute.

 

Ich öffnete die Email und las:

 

'Über die Suche im Internet bin ich auf ihre Seite gestossen' - oh wow, so toll, dass man mich schon so gut findet, dachte ich und las weiter. 'Und ich muss ihnen einfach schreiben, wie schlecht ich ihre Fotos finde. Sie sind so unnatürlich, so überbearbeitet und absolut nicht schön.'

 

Weihnachten. Das Fest der Liebe. Mein Oberkörper sackte in sich zusammen, mein Kopf senkte sich. Ich war verwirrt. Ich las die Email nochmals durch. Meine Bilder waren damals gar nicht bearbeitet und in jpg geschossen - ich hatte noch keine Ahnung von Bildbearbeitung. Trotzdem nahm ich die Zeilen persönlich. Und wollte sofort aufgeben.

 

Meine Arbeit war mir selbst nie gut genug und so dachte ich:

Meine Arbeit taugt nichts

                                        2011                                                                                  2016

 

Heute ist es anders.

 

Irgendwann, etwa nach zwei bis drei Jahren, begriff ich, dass mir zb ja auch das Mona Lisa Gemälde nicht gefällt. Trotzdem ist es Millionen wert und tausende Besucher stürmen deswegen täglich den Louvre - so wie ich auch, als ich in Paris war. Mir gefällt es immer noch nicht. 

 

Inzwischen kann ich aber gleichzeitig die Arbeit würdigen, die jemand in etwas steckt, auch wenn mir das Endresultat nicht gefällt. Nur weil es mir nicht gefällt, ist es nicht hässlich oder schlecht - irgend jemand wird es lieben. Und so darf auch meine Fotografie gefallen oder nicht.

 

                                        2012                                                                                  2016

 

 

Und sie darf sich auch verändern. Was vor ein paar Jahren noch nicht gefiel, hat sich vielleicht bis heute so gewandelt, dass es heute Anklang findet - oder umgekehrt.

 

So viele Berufe haben künstlerischen Ausdruck. Angefangen vom Schreiner über den Plattenleger, vom Bäcker über den Gärtner, vom Fotografen über die Autorin bis zur Floristin. Schnell sieht man, ob etwas mit Liebe gebacken oder aus einem 'ich muss halt arbeiten weil man das so macht' heraus gestaltet wird.

 

Selbst in der Papeterie, in der ich meine Grusskarten kaufe: die Besitzerin geht an die Messe und sucht die Karten nach Ihrem Herzen aus. Entweder gehe ich damit in Resonanz und mir gefällt, was sie verkauft oder nicht. Auch dort ist also die persönliche Handschrift das Ausschlaggebende.

 

Überall steckt die persönliche Handschrift des Menschen darin, der seine Arbeit macht.

 

Und wenn man genau nachspürt, merkt man schnell, wer seine Arbeit mit Liebe macht. Dazu passend liebe ich das Gedicht von Khalil Gibran, der so stimmig erfasst hat:

 

Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe

 

„Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.

 

Und wenn ihr nicht mit Liebe,

 

sondern nur mit Widerwillen arbeiten könnt,

 

lasst besser eure Arbeit und setzt euch ans Tor des Tempels

 

und nehmt Almosen von denen, die mit Freude arbeiten.

 

Denn wenn ihr mit Gleichgültigkeit Brot backt,

 

backt ihr ein bitteres Brot,

 

das nicht einmal den halben Hunger des Menschen stillt.

 

Und wenn ihr die Trauben mit Widerwillen keltert,

 

träufelt eure Abneigung ein Gift in den Wein.

 

Und auch wenn ihr wie Engel singt und das Singen nicht liebt,

 

macht ihr die Ohren der Menschen taub

 

für die Stimmen des Tages und die Stimmen der Nacht.“

 



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