Emotionen meiner Hochzeitsfotografie

 

Vor jeder Hochzeit mache ich mir endlos viele Gedanken: wird das Wetter fotogut, das Licht schön? Erwische ich die wichtigsten Momente? Kann ich den Einzug der Braut in die Kirche bestmöglich einfangen? Finde ich die beste Position für den Vermählungskuss?

 

 

Bei einer Hochzeit geht alles so schnell.

 

Es fühlt sich für mich jeweils an...

 

...als ob jede Sekunde, die ich nicht in einem Foto festhalten kann, für immer verloren ist. 

 

Ich weiss, dass es - nebst den wirklich wichtigen Momenten wie Ringübergabe, Kussmoment, Einzug in die Kirche - ungefähr so ist, wie wenn jemand ein Vortrag hält: geht etwas vergessen, merkt es nur derjenige, der den Vortrag hält.

 

Entsprechend bin ich dann wohl die einzige, die sich über verpatzte Momente ein Gewissen macht. Das dann aber mindestens für alle zusammen.

 

Beruhigen kann mich diese Gewissheit nicht, denn meine eigenen Ansprüche an mich sind hoch.

BEINAHE UNERREICHBAR.

 

Habe ich die richtigen Einstellungen?

 

Sind die ISO nicht zu hoch?

 

Denk ja daran, sie wieder runter zu schrauben sobald du aus der Kirche kommst!

 

Ist die Verschlusszeit schnell genug, dass die Bilder nicht verwackeln? Aber nicht so schnell, dass die ISO zu hoch sein müssen.

 

Stimmt der Fokus, habe ich die richtige Fokus-Art eingestellt und ja nicht vergessen die Blende wieder zu verstellen, sobald der Einzug der Braut vorbei ist.

 

ISO, Blende, Verschlusszeit, Weissabgleich, Belichtungsmessung, Fokus - immer wieder gehe ich alle Einstellungen durch, passe sie wo nötig an. Kontrolliere, Korrigiere, Schaue, Fotografiere.

 

 

Ich kann nicht überall sein und gleichzeitig von jeder Seite fotografieren.

 

So wie ich es mir oft gerade dann wünsche, wenn zum Beispiel die Braut die Kirche betritt und ich mich entscheiden muss, ob ich den künftigen Ehemann fotografieren soll, der vom Anblick seiner Liebsten überwältigt und tief berührt ist.

 

Oder die Braut, die innerlich fast platzt vor Liebe und Zuneigung für den Mann ihres Lebens, deren Augen beim Betreten der Kirche heller strahlen als der Abendstern. 

 

 

 

Und doch versuche ich es.

 

Ich bewege mich langsam in der Kirche, ohne hastige Bewegungen. Achte darauf nirgends anzustossen, wenn ich wieder meinen Standort wechsle. Kaum auszudenken wie peinlich es wäre, wenn eine Jesusstatue während der Trauung durch mich umfallen würde... Die knarrende Stelle auf dem Holzboden, auf die ich getreten bin, merke ich mir und mache während der restlichen Messe einen Bogen darum. 

 

Wie schön, nach der Trauung jeweils von Gästen und vom Pfarrer ein Kompliment dafür zu bekommen, wie dezent und ruhig ich gearbeitet habe. Und das obwohl innerlich in mir alles auf Hochtouren arbeitet. Denn alles geht schneller als an einem privaten Shooting, das man zudem auch jederzeit wiederholen könnte, sollte etwas verpatzt oder verpasst sein.

 

Berührend, wenn ich dem Pfarrer von der knarrenden Stelle erzähle, er lächelt und sagt er habe es gehört, aber ich hätte so professionell und unauffällig gearbeitet, das habe niemanden gestört.

 

 

Nach der Trauung fange ich die ersten Gratulationen ein bevor ich noch vor dem Brautpaar heraus trete - und in die wartenden Gesichter der Spaliersteher blicke, die sich auf das frisch vermählte Paar freuen. 

 

Ich suche meinen Platz: Wo ist der schönste, passendste Hintergrund? Gibt es eine Stelle, wo der Hintergrund frei von Zäunen, Pfosten oder anderen störenden Elementen ist? Wo hat es keine direkte Sonne, damit keine Schatten in die Gesichter fallen oder die Leute zu stark geblendet sind?

 

Achtsam ohne Ende, jede Sekunde konzentriert, habe ich meine Augen und Ohren so gut wie es geht jederzeit überall in diesen Stunden.  

 

Immer auf der Suche nach dem einzigartigsten Bild.

 

Bis zum Schluss.

 

 

Der Einsatz vor Ort endet meist mit einem meiner Lieblingsmomente

 

Dann, wenn alle offiziellen Fotos auf der Speicherkarte sind und das Brautpaar schon etwas müde ist von dem vielen Programm, frage ich ob sie noch gern ihre Ringe fotografiert hätten.

 

Die Liebenden schauen mich mit einem Blick an der sagt: oh ja sehr gerne - aber wir mögen nicht mehr fotografieren.

 

So schicke ich sie zum Apéro und bitte um ihre Ringe und den Brautstrauss. Mit den Schmuckstücken in der einen Hand, dem Brautstrauss in der anderen und zwei Kameras um den Hals, ziehe ich mich aus dem grossen Rummel zurück.

 

Die Ringe, die so viel Bedeutung in sich tragen,  in der Hand zu spüren... diese vertrauensvolle Geste dieser Menschen, die mich meist erst einmal vorher gesehen haben, berührt mich jedes Mal wieder ganz fest.

 

Ich ziehe mich mit diesen Schätzen zurück und zaubere Detailbilder

 

Zurück zu Hause und nach dem Herunterladen der Bilder, sehe ich dann erst richtig gut, was so alles auf der Speicherkarte ist.  

 

Vor Ort sind die Lichtverhältnisse oft unpraktisch um genaueres auf dem Display zu erkennen und es bleibt auch keine Zeit um lange nachzusehen.

 

Ein kurzer Blick alle paar Bilder, ob die Einstellungen noch stimmen, muss reichen. 

 

Ab und an denke ich dann beim ersten Durchsehen: ‚oh, der Hintergrund war so viel schöner als er schien, da hätte ich mehr Bilder machen sollen‘ oder 'die wurden leider nicht gut, schade haben wir da (zu) viel Zeit verloren'.

 

Zum Glück überwiegen die positiven Überraschungen:

 

Wenn im Hintergrund jemand lächelt oder gemeinsames herzhaftes Lachen der Beteiligten. Staunende Kinderaugen und stolze Elternblicke. Berührte, zufrieden lächelnde Grosseltern und vor Freude strahlende Freunde.

 

 

 

Nach der ersten Durchsicht der Bilder gibt es die ersten freudigen Entdeckungen für mich. Ich verschaffe mir einen ersten Gesamtüberblick. Sortiere die Bilder, die mich direkt anleuchten gleich heraus.

 

Ein bisschen Unbehagen macht sich breit: es sind nur so wenige richtig gute... Ich lasse die Bilder ruhen, arbeite zwischenzeitlich an etwas anderem weiter.

 

Beim 2. Durchsehen aller Bilder stellt sich meist Erleichterung ein. Es sind doch einige schöne dabei. Durch die Pausen zwischen den Sortiergängen und der daraus entstehenden Distanz dazu, sehe ich immer wieder Neues.

 

Beim 3. und 4. Sortiergang sind es dann schon seeehr viele gute Bilder, die ich mit Sternen versehen habe.

 

2 Sterne für alle Bilder, die ok sind. 3 Sterne für Bilder, die in die engere Wahl kommen. 4 Sterne für die Bilder, die definitiv auf die FotoCD kommen und 5 Sterne für alle fertig bearbeiteten Bilder.

 

Ab der 4* Phase fallen mir Bilder auf, die auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkten. Ich gebe ihnen eine Chance, mache eine Grundbearbeitung.

 

 

Viele dieser Bilder entpuppen sich dabei als kleine Schätze, nicht wenige davon dann sogar als die Seelenbilder des Tages.

  

 

Es werden immer mehr und erst recht, wenn ich damit beginne die ersten zusätzlich in schwarzweiss umzuwandeln.

 

Jedes einzelne Bild dieses wertvollen Tages ist eine Kostbarkeit.

 

Ich bin happy und beflügelt.



Du bist einzigartig - teile deine Meinung mit uns

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Nicole S. (Dienstag, 23 August 2016 14:29)

    Richtig, richtig schön geschrieben liebe Brigitte.. Man spürt auch in diesem Blog, dass das was du machst einfach pure Leidenschaft ist.
    Vielen Dank für all die schönen Bilder :-)

  • #2

    Aline (Dienstag, 23 August 2016 15:00)

    So wunderschön, das geht unter die Haut. Du bist einzigartig und genauso sind es deine Bilder. Mach weiter, freue mich auf den nächsten Beitrag

  • #3

    Nathalie (Dienstag, 23 August 2016 19:45)

    Liebe Brigitte
    Deine Leidenschaft am Fotografieren sieht man an deinen wundervollen Bilder..und auch dein Blog ist mit viel Herzblut geschrieben.. Deinen Bildern öffnen viele Herzen..
    Freu mich auf weitere Bilder von Dir

  • #4

    Michèle (Dienstag, 30 August 2016 21:07)

    Liebi Brigitte, diin Blog esch eifach toll - eg cha der rechtiggehend nachefühle :D
    Liebi Grüessli usem Seeland, Michèle

  • #5

    Ba (Dienstag, 13 September 2016 21:58)

    Meine liebste Bri

    Deine Worte berühren so sehr wie deine Bilder bezaubern :) Meine Lieblingsstelle: Deine Dankbarkeit bezüglich der Vertrauensgeste des Hochzeitspaars, dir die Ringe auszuhändigen, natürlich Weltklassefoto inklusive.

    Du bist schlicht genial, ein echter Leuchtstern für den Ausdruck wahrhaftiger Herzensmomente
    In Liebe
    Deine Ba